Warum 98 Prozent ihr kreatives Potenzial verlieren (und wie du es zurückbekommst)

· Aktualisiert: · Dirk Jeske

Kind von hinten am Strand baut eine Sandburg mit Wassergraben, ein Schiff aus Pappe und Ästen liegt darin, Wasserfarben-Stil in Amber und Teal

Der kleine Junge am Strand saß tief versunken vor seiner imposanten Sandburg mit Wassergraben. Mit einem Stück Pappe und kleinen Ästen für die Masten und Papier für die Segel baute er ein Schiff, das danach durch den Wassergraben schippern würde. In die Burg hatte der kleine Architekt mehrere Bahnen eingebaut, durch die später bunte Murmeln kullerten. Fasziniert hatte ich den kleinen Baumeister bei seinem Werk beobachtet und versuchte mich zu erinnern, wann ich zuletzt so tief versunken an einem Projekt gearbeitet hatte: eine Idee gehabt und sie einfach umgesetzt, ohne sie vorher zehnmal zu durchdenken und Gründe zu finden, sie nicht zu verwirklichen.

💡Das Wichtigste in Kürze
  • 98 Prozent der Fünfjährigen erreichen kreatives Genie-Niveau im divergenten Denken
  • Bei Erwachsenen sind es noch 2 Prozent
  • Das ist kein Naturgesetz, sondern erlerntes Verhalten
  • Der Mechanismus: gleichzeitiges Erzeugen und Bewerten von Ideen tötet sie im Entstehungsmoment
  • Erlerntes Verhalten lässt sich verlernen

Wie kreativ sind Kinder wirklich, und was sagen die Daten?

Sehr kreativ. 98 Prozent der Fünfjährigen erreichen in Tests für kreatives, divergentes Denken Genie-Niveau. Mit zehn Jahren sind es noch 30 Prozent. Mit 15 noch 12 Prozent. Bei Erwachsenen: 2 Prozent. Das sind die Zahlen, die George Land in einer Längsschnittstudie mit 1.600 Kindern über mehrere Jahre erhoben hat.

Die Geschichte dahinter ist so gut, dass sie überall weitererzählt wird.

1968 beauftragte die NASA Land, einen Test zu entwickeln, der ihre kreativsten Ingenieure identifizieren sollte. Er entwickelte dafür einen Test für divergentes Denken: nicht eine richtige Antwort suchen, sondern möglichst viele Möglichkeiten generieren. Land nutzte denselben Test für Kinder im Head-Start-Förderprogramm und stellte die Frage: Wie kreativ sind wir, bevor das System uns formt?

Die Antwort lautet: Genie-Niveau.

Ein Hinweis, weil Transparenz wichtiger ist als eine gute Geschichte: Lands Daten haben keinen verifizierbaren wissenschaftlichen Primärbeleg. Kein peer-reviewtes Paper, kein NASA-Archiv, das seine Zahlen bestätigt. Die Quelle ist ausschließlich Lands eigenes Buch Breakpoint and Beyond (1993).

Und trotzdem: der Trend ist real.

Kyung Hee Kim, Professorin für Bildungspsychologie an der William and Mary Universität in Virginia, hat denselben Effekt mit 272.599 Torrance-Testergebnissen (Kindergarten bis Klasse 12) gemessen und 2011 peer-reviewed publiziert. Ihr Ergebnis: Kreativitätswerte sinken seit 1990 systematisch. Trotz gleichzeitig steigender IQ-Werte. In ihrer Folgestudie 2021 (273.441 Scores) bestätigte sich der Rückgang, besonders stark bei Vorschulkindern und bei ihrer Vorstellungskraft. Vorstellungskraft ist nicht dasselbe wie Kreativität, aber ihr Substrat: Wer sich nichts vorstellen kann, das noch nicht existiert, kann es nicht erschaffen.

Wir werden im Schnitt logischer. Und gleichzeitig weniger schöpferisch.

Warum verlieren Erwachsene ihr kreatives Potenzial während ihrer Schulzeit?

Das Gehirn hat zwei Modi, die getrennt bleiben müssen, wenn Kreativität entstehen soll. Divergentes Denken ist offen und explorativ: es generiert viele Möglichkeiten, bewertet keine davon. Konvergentes Denken ist analytisch und selektierend: es findet die eine richtige Antwort.

Beide sind nützlich. Aber nicht gleichzeitig.

Der Psychologe J.P. Guilford beschrieb beide Konzepte 1950 erstmals systematisch und stellte dabei fest, dass sich von 121.000 psychologischen Studien der vorherigen 25 Jahre weniger als 200 überhaupt mit Kreativität befasst hatten. Guilfords These, die damals gegen den Strom schwamm: Kreativität ist keine Ausnahme. Sie ist der Normalzustand.

Was Schulsysteme seit Generationen trainieren, ist das Gegenteil davon: beide Modi simultan aktivieren. Du denkst eine Idee und bewertest sie im selben Atemzug. Dieser Reflex sitzt so tief, dass er unbewusst läuft. Ich nenne das den Bewertungs-Reflex.

Dieser Reflex ist ständig in deinem Kopf aktiv geschaltet. In der Konferenz, in der eine Idee noch nicht ausgesprochen ist und du schon weißt, was andere denken werden. Im inneren Monolog, wenn ein Gedanke aufblitzt und sofort das „das ist doch Quatsch" folgt. Im Leerlauf, den du dir nicht mehr gönnst, weil da ohnehin nichts bei rauskommt.

Vera F. Birkenbihl hat das 30 Jahre vor Kims Daten beschrieben. Sie diagnostizierte: „Schulen trainieren Konformität, nicht Denken." Kinder lernen die richtige Antwort. Sie lernen nicht, viele Antworten zu erzeugen.

Das ist keine Kritik an Lehrern. Es ist eine Beschreibung dessen, was passiert, wenn man Kinder über zwölf Jahre lang primär nach der einen richtigen Antwort bewertet.

Was sagen die Zahlen für Deutschland?

Die Situation in Deutschland folgt demselben Muster. Eine repräsentative Forsa-Umfrage für das Deutsche Kinderhilfswerk aus dem April 2025 (1.001 Befragte) zeigt: 96 Prozent der Deutschen halten kreative Aktivitäten für Kinder für sehr oder eher wichtig. Gleichzeitig findet mehr als jeder Dritte (41 Prozent), dass Kinder heute außerhalb von Schule und Kita nicht genug Zeit für kreative Beschäftigungen haben.

Das klingt wie ein Problem der Kinder, was es aber nicht ist.

Es ist ein Problem, das sich vererbt. Die Erwachsenen in dieser Umfrage sind dieselben, die selbst durch ein System gegangen sind, das den Bewertungs-Reflex eintrainiert hat. Sie geben weiter, was sie kennen. Nicht aus böser Absicht, sondern weil der Reflex für sie längst normal ist.

Birkenbihl hat in Deutschland Generationen geprägt. Ihre Diagnose, dass Schulen Konformität statt Denken fördern, wird seit Jahrzehnten diskutiert. Jetzt haben wir die Daten dazu.

Die OECD hat 2022 zum ersten Mal kreatives Denken in PISA gemessen. Deutschland landete im Mittelfeld. Das ist keine Katastrophe. Es ist eine Bestätigung.

Wie macht dich eine KI, die nur eine Antwort kennt, weniger kreativ?

Das Internet war der größte Divergenz-Raum, den die Menschheit je gebaut hat. Eine Suchanfrage lieferte Dutzende Ergebnisse, Verlinkungen, Querverweise, Zufallsfunde. Du schautest dich um, sprangst von Seite zu Seite, landest, wo du nicht erwartet hättest. Erst dann bewertetest du, was relevant ist.

Das ist divergentes Denken in Reinform. Dieselbe Struktur, die Land und Kim beschreiben: erst viele Möglichkeiten erzeugen, dann selektieren.

Jetzt verändert sich das Modell. Google AI Overviews erscheinen bereits bei 13 Prozent aller Suchanfragen. Wenn sie erscheinen, klickt laut einer Studie des Pew Research Center aus dem Jahr 2025 nur noch ein Prozent der Nutzer auf einen Link. Der Anteil von Suchanfragen ohne einzigen Website-Klick stieg binnen eines Jahres von 56 auf 69 Prozent. Eine Frage. Eine Antwort. Kein Weitergehen.

Die Forscherin Lisa Messeri und der Psychologe M. J. Crockett beschrieben 2024 in Nature, was das systematisch bedeutet: KI-Werkzeuge erzeugen „monocultures of knowing" (Monokulturen des Wissens). Wer immer eine fertige Antwort bekommt, stellt bald nur noch Fragen, die zu fertigen Antworten passen. „We produce more but understand less." (Wir produzieren mehr und verstehen weniger.)

Das Informationswissenschaft-Pendant kennt man seit 2011: Lori McCay-Peet und Elaine Toms haben gemessen, welche Eigenschaften digitale Umgebungen mitbringen müssen, damit Serendipität entsteht. Einer ihrer fünf Faktoren heißt „Triggered Divergence" (ausgelöste Divergenz) – Momente, in denen unerwartete Worte oder Verbindungen das Denken anstoßen. Die unerwartete Verbindung, der unbeabsichtigte Fund, der Umweg, der zum Kerngedanken wird. All das entsteht nur, wenn man durch viele Möglichkeiten navigieren darf.

Das ist kein technisches Problem. Es ist dasselbe Problem wie in der Schule, nur diesmal nicht in der Kindheit. Wer die Bewertungsphase überspringt, indem er nur eine Antwort zeigt, schaltet den divergenten Modus ab, bevor er anlaufen konnte. Im Alltag jedes Erwachsenen, bei jeder Suchanfrage.

Kannst du dein kreatives Potenzial zurückgewinnen?

Ja, weil nicht-kreatives Verhalten erlernt ist. Das ist Lands zentrale These. Und sie ist der einzige Teil seiner Arbeit, der durch Kims Forschung gestützt wird: Kreativität ist kein fester Charakterzug, sondern ein Muster. Muster lassen sich ändern.

Kim hat das konkret herausgearbeitet. Ihr CATs-Modell beschreibt 27 kreative Haltungen: Offenheit, Neugier, Spontaneität, Unabhängigkeit, Resilienz. Keine davon ist genetisch festgelegt. Alle sind trainierbar. Eine Metaanalyse über fünf Jahrzehnte Kreativitätstraining-Forschung bestätigte das (Sio & Lortie-Forgues, 2024): Die wirksamsten Methoden waren komplexe Übungsverfahren und Entspannungspraktiken, weil beide den bewussten Bewertungsapparat zeitweise ausschalten.

Land hat eine Übung entwickelt, die den Unterschied in einer einzigen Session zeigt. Du nimmst einen alltäglichen Gegenstand, zum Beispiel eine Gabel. Und schreibst in drei Minuten 25 alternative Verwendungsmöglichkeiten auf. Ohne zu stoppen, ohne zu bewerten, ohne zu streichen.

Die ersten zehn fallen leicht. Ab elf wird es seltsam. Ab achtzehn wird es interessant.

Ich habe das selbst ausprobiert. Mit einer Gabel, mit einem Kugelschreiber, mit einem leeren Notizbuch. Die ersten Male fühlt es sich albern an. Ab der dritten Runde merkst du, was passiert: du hörst auf, Ideen zu töten bevor sie fertig gedacht sind.

Dabei hilft auch das Prinzip der Inkubation. Beethoven, Charles Dickens und Tschaikowski machten täglich lange Spaziergänge. Nicht als Erholung. Die Gedanken sind unmittelbar nach dem Schreibtisch noch geladen, durch die Bewegung verbinden sie sich freier, weil der kontrollierte, bewertende Teil des Gehirns herunterfährt. Was wie Auszeit aussieht, ist die Fortsetzung der Arbeit mit anderen Mitteln. Neurowissenschaftler nennen diesen Zustand das Ruhezustandsnetzwerk (Default Mode Network), ein Netzwerk aus miteinander verbundenen Hirnregionen, das im Ruhezustand aktiv wird, wenn du keine bestimmte Aufgabe ausführst. Es ist für das Tagträumen, Selbstreflexion, das Erinnern an die Vergangenheit und das Planen der Zukunft zuständig. Der bewertende Kontrollapparat ist dabei abgeschaltet und du erkennst Verbindungen, die er zuvor blockiert hätte.

Das ist nicht die Rückkehr zum Genie-Niveau. Das ist der erste Schritt.

Was unterscheidet Schöpfer von Menschen, die aufgehört haben, kreativ zu sein?

Nicht das Talent. Nicht die Begabung. Nicht die Zeit.

Schöpfer arbeiten. Täglich, auch wenn es sich nicht nach Inspiration anfühlt. Haruki Murakami steht, wenn er an einem Roman schreibt, jeden Morgen um vier Uhr auf. Fünf bis sechs Stunden Schreiben, dann Sport. Seit Jahrzehnten. Der Wissenschaftsautor Bas Kast hat das untersucht: Routine befreit den Kopf von Entscheidungen. Wer nicht täglich entscheiden muss, ob er anfängt, kann seine Energie für das nutzen, was beim Anfangen entsteht.

Schöpfer haben außerdem eine Entscheidung getroffen. Die klingt trivial, ist sie aber nicht: Sie haben aufgehört, Kreativität als etwas zu behandeln, das man hat oder nicht hat. Und angefangen, sie als etwas zu behandeln, das man tut oder nicht tut.

Das ist der Unterschied.

Solange Kreativität eine Eigenschaft ist, gibt es nichts zu tun. Entweder bist du der kreative Typ, oder du bist es eben nicht. Diese Überzeugung ist eine der wirkungsvollsten Selbstsabotagen überhaupt, weil sie sich nie anfühlt wie eine Entscheidung. Sie fühlt sich an wie Realität.

Es kommt noch etwas dazu, das dieser Mechanismus verschweigt: Erschaffen bedeutet Urteile riskieren. Wer eine Idee zeigt, zeigt sich. Der Bewertungs-Reflex ist deshalb nicht nur kognitiv, er ist auch eine Schutzreaktion. Das macht ihn so zäh und so schwer zu benennen.

Lands Zahlen drehen das um. Sie sagen: Der Ausgangszustand ist das Genie-Niveau. Was danach passiert, ist keine Schicksalsfrage. Es ist eine Trainingsfrage.

Das bedeutet nicht, dass du jetzt Picasso wirst. Es bedeutet, dass das, was du als „Ich bin nicht kreativ" erlebst, kein unveränderlicher Zustand ist. Es ist ein Muster mit einem konkreten Mechanismus. Und einem konkreten Gegenmittel.

Dein Bewertungs-Reflex lässt sich unterbrechen.

Der kleine Junge am Strand hat diesen Reflex (noch) nicht. Er baut immer noch riesige Sandburgen und Schiffe aus Pappe und Ästen.

Wenn du wissen willst, wie das System aussieht, das dich zum lebenslangen Schöpfer macht: schau in die Kategorie Schöpfer werden.

Häufige Fragen

Was ist divergentes Denken?

Divergentes Denken bedeutet, zu einem Problem möglichst viele verschiedene Antworten zu entwickeln, statt die eine richtige zu suchen. Es ist offen, explorativ und nicht-wertend. Der Gegenpol ist konvergentes Denken, das analytisch selektiert. Kreativität braucht beide Modi, aber zeitlich getrennt: erst divergent generieren, dann konvergent beurteilen.

Kann jeder wieder kreativ werden?

Ja. Kyung Hee Kims Forschung zeigt, dass 27 kreative Haltungen (darunter Offenheit, Neugier und Spontaneität) trainierbar sind, weil sie keine genetisch festgelegten Persönlichkeitsmerkmale sind. Der erste Schritt ist nicht ein Kreativitätskurs, sondern das bewusste Unterbrechen des Bewertungs-Reflexes: Ideen erst vollständig erzeugen, dann beurteilen.

Was hat die Schule mit dem Kreativitätsverlust zu tun?

Schulsysteme trainieren primär konvergentes Denken: die eine richtige Antwort finden und reproduzieren. Divergentes Denken, viele Möglichkeiten ohne sofortige Bewertung zu generieren, bleibt weitgehend ungeübt. Das Ergebnis ist ein tief eintrainierter Bewertungs-Reflex, der Ideen im Entstehungsmoment bewertet und verwirft, auch noch Jahrzehnte nach der Schule.

Ist die NASA-Kreativitätsstudie von George Land wissenschaftlich belegt?

Nur eingeschränkt. Lands Daten (98 Prozent bei Fünfjährigen, 2 Prozent bei Erwachsenen) stammen aus seinem eigenen Buch Breakpoint and Beyond (1993) und haben keinen verifizierbaren wissenschaftlichen Primärbeleg in Form eines peer-reviewten Papers. Kyung Hee Kims Studie von 2011 mit 272.599 Torrance-Testergebnissen (DOI: 10.1080/10400419.2011.627805) liefert den wissenschaftlich soliden Beleg für denselben Trend.

Wie lange dauert es, kreatives Potenzial zurückzugewinnen?

Den ersten Unterschied spürst du nach wenigen bewussten Übungen. Lands Gabel-Übung zeigt in einer einzigen Session, wie sich freies und bewertetes Denken anfühlen. Für tiefe kreative Expertise in einem Fachgebiet nennt Kim mindestens zehn Jahre. Aber der Schritt vom Nicht-Schöpfer zum bewussten Schöpfer braucht keine zehn Jahre. Er braucht eine Entscheidung.

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Dirk Jeske mit Deutsch-Drahthaar im Permakultur-Garten

Dirk Jeske

Blogger, Systemdenker und Permakultur-Praktiker

Kein Redaktionsteam, keine Freelancer. Auf einem historischen Gutshof zwischen Permakultur-Paradies und Laptop schreibe ich als Solopreneur für Menschen, die KI nutzen und dabei nicht aufhören wollen, selbst zu denken. Mit Drahthaar und einer Schar Hühnern als Korrektiv gegen zu viel Bildschirm wecke ich den Schöpfer in dir.